Veranstaltungen und Programme in chronologischer Reihenfolge

07. Juli 2018

Neurodermitis – Juckreiz und Schmerzen als Widerpart von Wohlbefinden

Krankheit wird oft im Gegensatz zu Gesundheit definiert. Im Falle der Neurodermitis liegt eine Funktionsstörung der Haut vor. Die Haut ist unser größtes und unser sensitivstes Organ, das erste Medium frühesten Austauschs und unser wirksamster Schutz. Als Grenzorgan zwischen Individuum und Umwelt bildet sie eine Oberfläche, die sichtbar ist, die betrachtet und gefühlt und in diesem Sinne sozial wirksam werden kann. Haut spannt sich aber auch über Inneres und verdeckt Tieferliegendes. In diesem Sinne ist sie Behältnis für das Selbst. In unserer Sprache ist viel über die Bedeutung der Haut aufgehoben: Wir können uns‚ in unserer Haut wohl fühlen‘ oder eher unbehaglich. Neurodermitiker können ‚nicht aus ihrer Haut heraus‘, obwohl sie am liebsten ‚aus der Haut fahren’ würden. Die Haut ist Ausdrucksorgan, weil sich innere Bewegungen an der Hautoberfläche abspielen. Es sei nur an angstgeleitetes Transpirieren oder an die ‚Gänsehaut’ erinnert, als Zeichen von innerem Bewegt-Sein, oder an das Erröten als Hinweis auf Schuld- und Schamgefühle. Die Reagibilität der Haut ist extrem unterschiedlich, und wer seine Empfindungen ungewollt über die Haut offenbart, entbehrt der schützenden Hülle. Als Kontaktorgan lädt sie im Dienste der Nähe- Distanz-Regulation ein zur Berührung, oder kann – wie im Fall der Neurodermitis – Unberührbarkeit signalisieren. Darüber hinaus ist die Haut ein wichtiges Wahrnehmungsorgan: etwas kann ‚unter die Haut gehen‘. Dabei ist es sehr unterschiedlich, wie schnell und wie sehr sich jemand ‚berührt‘ fühlt: Einer hat ‚eine dünne Haut‘, der andere eher ‚ein dickes Fell‘. Die Haut ist mithin prädestiniert, von innen kommende Empfindungen preis zu geben oder symbolisch auszudrücken, was sich die Psychosomatik zunutze macht, und eine seelisch-körperliche Betrachtungs- und Heilweise, unter Berücksichtigung emotionaler und sozialer Ursachen sowie der Persönlichkeit und des Lebensschicksals versucht. Natürlich haben nicht alle neurodermitischen Erkrankungen oder ihre Auslösung allein eine psychogene Ursache. In einem Fall überwiegt die organische Belastung, im anderen Fall ist das somatische Krankheitsgeschehen getriggert von psychosozialen Problemen oder neurotischem Geschehen. Angesichts einer solchen „unspezifischen Psychosomatogenese“ (THOMAE, 1980) erfordert der „multifaktorielle Entstehungsprozess“ Berücksichtigung in einer mehrdimensionalen und multimodalen Diagnostik, denn Neurodermitis wird immer auch sozial erfahren und muss auf der jeweiligen Ebene der Entwicklung und ihrer besonderen Aufgaben emotional verarbeitet werden. Es geht also darum, die verschiedenen Faktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung des Krankheitsgeschehens zu erkennen, in ihrem besonderen Kräftespiel darzustellen, und in ihrer somatopsychischen ebenso wie ihrer psychosomatischen Bedeutung herauszuarbeiten. Ziel solchen Bemühens ist es nicht, den somatischen Behandlungsprozess zu ersetzen, sondern ergänzend ein Verständnis zu finden für den subjektiven psychischen Erlebnishintergrund und die besondere Psychodynamik des jeweiligen kindlichen oder jugendlichen Patienten. Vor diesem Hintergrund werden Behandlungserfordernisse entwickelt, die nicht auf das Wegtherapieren störender Symptomatik fokussieren, sondern die Bereitstellung eines Raumes zur Entfaltung subjektiven Leidens und pathogenen Geschehens ermöglichen, sodass eine Reinszenierung des ‚schwierigen’, widersprüchlichen und “unergiebigen, in seiner Haut gefangenen Patienten“ - so das gängige verhängnisvolle Klischee - im Hier und Jetzt der therapeutischen Beziehung erfolgen kann. Über Akzeptanz und Auseinandersetzung mit dem persönlichen meist lebenslangen Leidens soll auch ein Zugang zu den persönlichen Krankheitstheorien ebenso wie zur unbewussten subjektiven Bedeutung des (Haut-) Leidens gefunden werden. Dabei nutzen tiefenpsychologisch fundierte Kinderpsychotherapeuten die Erfahrung, dass Menschen symbolische Wesen sind, geneigt, allem ein Bild, Sinn und Bedeutung zuzuschreiben - auch quälender Krankheit. Behandlungstechnisch hat sich hermeneutisches Arbeiten im Rahmen einer eher stützenden stabilen langfristigen therapeutischen Beziehung bewährt. Der Behandler ist aufgerufen, den Patienten so anzunehmen wie er ist und ihn und sein Umfeld in ihrem Leiden zu begleiten. Er ist bemüht, seine teilnehmende Beobachtung und sein Erleben in der Gegenübertragung auf der Grundlage empathischen Verstehens nutzbar zu machen und zurück zu ‚übersetzen’. Ziel ist, den kindlichen oder jugendlichen Patienten auch unter dem Joch allergischer Disposition und chronischer Erkrankung zu ermöglichen, zu einem „handelnden Subjekt eigener Geschichte“ zu werden. Denn erst das Verstehen und die Integration des Hautleidens, das Aufdecken seiner subjektiven Bedeutung und das Bearbeiten zusätzlichen unbewussten Konfliktgeschehens ermöglichen dem psychosomatisch Kranken einen konstruktiveren Umgang mit der Neurodermitis. Die Präsentation eigener Behandlungsfälle von neurodermitischen Kindern oder Ju-gendlichen, anhand derer die beschriebenen inhaltlichen Vorstellungen konkretisiert und diskutiert werden können, ist erwünscht und jederzeit möglich.

Referent/in/en:

  • Dipl.-Soz. Dagmar Lehmhaus

 

 

40 Jahre Ärztliche Akademie

Brixen
Lehrgangswoche 2019-2

Anmeldung nur über die Geschäftsstelle möglich!

Symposion
"Symbolisierungsprozesse
und Spiel in der Kinderpsychotherapie"
05.-07.07.2019

Zusatzbezeichnung Psychotherapie
Start neuer Lehrgang
16.-23.02.2020

Qualifikation in tiefen-
psychologisch fundierter
Kinder- u. Jugendlichen-
psychotherapie
(NQ/WQ)
01.-07.07.2019

Eltern-Kleinkind-Psychotherapie (EKP)
Start neuer Kurs
20.-23.2.2020

Fortbildung tiefenpsychologisch
fundierte Gruppentherapie
für Kinder und Jugendliche

Start neuer Kurs
20.-23.2.2020

Traumatherapie
Start neuer Kurs
25.-28.02.2021

Psychopharmakotherapie
Start neuer Kurs
20.-23.02.2020

Psychosomatische
Grundversorgung
Start neuer Kurs
20.-23.2.2020

Psychosomatische
Grundversorgung
Balintgruppe
23.02.2020

Teamentwicklung
und Fallsupervision
Start neuer Kurs
25.-28.02.2021